Stadtmitte.
An deinem Blick erkenne ich, du denkst, dass dieser Boden,
auf dem ich gerade stehe, weit weg von meinem Zuhause ist.
Und bevor du mich ansprichst mit der Frage, wo ich wirklich herkomme,
möchte ich dir einmal meinen Namen verraten.
Mein Name ist Ayşe, die türkische Version von Aisha.
Ich bedeute lebhaft, lebensfroh und lebendig.
Du hörst unterdrückt, unterwürfig und verblendet.
Du denkst dir gerade: Aisha? Die wurde doch mit neun Jahren einem alten Mann zur Frau gemacht.
Das ist alles, was du zu wissen scheinst, denn deine Gedanken waren niemals frei.
Du läufst herum mit Meinungen, die du irgendwoher aufgeschnappt hast.
Du hast sie noch nie hinterfragt, wahrscheinlich, weil du schon im Kindergarten ein Mitläufer warst.
Wie viele Stunden willst du noch damit verschwenden, über mein Leben zu reden, als wäre es deins?
Denn wenn wir ehrlich sind, war deine Realität niemals meine.
Du sprichst nicht, was du weißt, nur das, was du zu wissen scheinst.
Aber alles, was ich bin – die Art und Weise, wie ich mich artikuliere, wie ich stehe, mich bewege,
wie ich gehe, meine Worte zu Gedichten zusammenlege, sie niederschreibe, wie ich weine, lache,
immer wieder dieselben Fehler mache – wurde mir gelehrt auf diesem Boden.
Ich bin nicht nur hier geboren, ich habe mich klein gefühlt, bin groß geworden, war stolz auf mich,
so wie du niemals, enttäuscht von mir mehr als du jemals, und trotzdem: irgendwo in Niedersachsen
bin ich über mich hinausgewachsen.
Schon in der Grundschule hast du nicht geglaubt, dass ich den Abschluss schaffe, und jetzt, wo ich mehr will,
als Büroräume sauber zu machen, willst du, dass ich das Land verlasse.
Ich war nur so lange okay, wie ich in irgendwelchen Hinterräumen mein Leben an mir vorbeiziehen ließ.
Du hältst nicht, was du versprichst. Mein Opa hat nicht sein ganzes Leben hinter sich gelassen,
damit ich meine Chancen mitten in Europa verpasse.
Keine Ahnung, warum es so schwer ist zu verstehen, aber ich werde aus dem Land, in dem ich stehen gelernt habe, nicht einfach wieder gehen.
Ich lernte Sprachen, die in ihrer Aussprache keinen Platz für meinen Namen haben.
Musste mich anstellen an der Tafel, damit wir ein wenig was zu essen bekamen.
Ich hörte, was sie sagten, als meine Mutter in den Raum kam.
Schon bevor sie anfing zu sprechen, gingst du davon aus, sie nicht verstehen zu können.
Und ja, ich habe sie auch schon ausgelacht, einfach, weil sie auch mal Fehler macht.
Ich habe ganz vergessen, dass sie das alles für ihre Kinder durchmacht.
Deshalb stand es für sie nie zur Wahl, das Land in dem sie geboren wurde, zu verlassen.
Ich habe also ein starkes Vorbild und bin somit keine Frau, die einfach aufgibt.
Aber für dich bin ich ein Problem im Stadtbild, dabei warst du doch noch nie in meiner Gegend.
Du fühlst nicht, wie warm unsere Gespräche sind, schmeckst nicht, wie köstlich unser Essen schmeckt.
Ich weiß nicht einmal, ob du die Message checkst – seien wir ehrlich: Du hast noch nie wirklich Blut geleckt.
Du beschwerst dich darüber, wie laut wir sind auf deinen Schulhöfen, redest aber nicht darüber,
dass wir in den Klassenräumen nie zu Wort kommen dürfen.
Du lehrtest mich, dass jeder Fehler, den ich begehe, gleich alle Ausländer betrifft.
Weshalb ich immer vorsichtiger sein musste als die anderen, immer ein wenig besser, wenn’s drauf ankommt: leiser, lauter, rauer, sanfter.
Ein Abschluss allein reicht nicht: Abitur, Bachelor oder Master.
Meine Gedanken immer zehn Schritte weiter, weil meine Ohren den Startschuss in den hintersten Reihen nie mitbekommen haben.
Heute stehe ich an verschiedenen Regalen im Buchladen, irgendwo in einem Café bin ich am Arbeiten oder Lesen.
Ich erziehe deine Kinder und pflege deine Älteren. Ich kann auch mal gemein sein, ja, aber helfe auch den Schwächeren.
Ich betreibe Restaurants, in denen du satt wirst. Ich helfe dir, den Weg zu finden, wenn du dich selbst verlierst.
Und du? Du warst noch nie bei mir auf einen Çay, weil du nichts von meinem Leben weißt und demnach lieber
weiter weg in irgendwelche Mikrofone deine Sorgen schreist.
Ich bin kein Problem im Stadtbild. Ich bin die Stadtmitte. Alles, was die Stadt bildet, alles, was in der Mitte stattfindet.
Du weißt nicht, wo ich meine Träume das erste Mal träumen wagte. Du siehst doch nicht mal klar durch die Scheiben deines Wagens.
Die getönten Fenster deiner S-Klasse bieten dir nicht mehr als einen verzerrten Blick auf unsere Straßen.
Du versuchst, deine Kriege auf den Rücken der Töchter dieses Landes auszutragen. Und die Töchter suchst du dir auch selbst aus.
Dass ich damit nicht gemeint bin, steht außer Frage.
Du weißt nicht, wie schwer es ist, Anschluss zu finden, gerade weil ich alles alleine schaffen wollte,
um es mir statt dir zu beweisen und auch, weil ich ungerne nach Hilfe bitte.
Du weißt nicht, was Angst bedeutet. Du musstest noch nie warten auf deine Leute. Deine Medien drehen alles so um, wie du es möchtest.
Diese Menschen sind lang nicht mehr blind. Es bringt nichts, wenn du Worte, die du gesprochen hast,
eine Woche später leugnest, nur weil es nicht so gelaufen ist, wie du wolltest. Aber in deinen Augen sind wir diejenigen, die unendlich klagen.
Du möchtest unsere Fenster einschlagen, ohne vorher jemals an unsere Türen geklopft zu haben.
Weil wir sind „Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“ und was sie sonst noch so alles sagen.
Und egal, auf wie vielen Bühnen ich auf diesem Boden stehe, ob ich über solche Themen schweige oder sie lauthals schreie,
sie werden mich niemals so hören, wie sie dich hören. Denn du bist immer besser im Verschweigen, immer ein wenig lauter am Schreien.
Und auch wenn alle Kameras dieses Landes auf mich zeigen, werden sie die Worte aus meinem Mund niemals verstehen, denn in ihren Augen passen hier keine Fremden rein und du wirst immer weißer sein.