Auswandern.
„Kannst du dir vorstellen auszuwandern?“, fragst du, was mich wundert.
Du bemerkst meinen fraglichen Blick und sagst: „Ich möchte so gerne auswandern.“
Du denkst an Thailand, Portugal, Kanada, Japan oder Nizza, du möchtest Sprachen hören, die du
nicht verstehst, schöne Orte sehen, die du noch nie erblickt hast.
Du denkst, hier gibt es kein Meer, du würdest mehr joggen, wäre es unmittelbar vor deiner Tür.
Du denkst an die Liebe deines Lebens, du bist ihm noch nicht begegnet, aber du weißt, dass er deine
Liebe erwidern wird.
Vielleicht ein kleines Landhaus in Norwegen, wo du lebst, bis du stirbst?
Du denkst, du musst hier weg, dieses Land hat all dein Potenzial ruiniert.
Du denkst an Wasserfälle, die deine Seele heilen, daran, wie viel Zeit du in diesem Land
verschwendet hast und wie wenig es dir zurückgegeben hat.
„Ich hasse dieses Land“, höre ich dich sagen.
Du denkst an schlecht gelaunte Menschen, die es nicht einmal hinbekommen, sich gegenseitig zu
grüßen.
Das ist eins der runterziehensten Probleme hier, denkst du dir.
Normalerweise würde ich mich nicht mit einem Menschen mit Träumen solcher Art unterhalten, bei
denen fühl ich mich einfach nicht verstanden.
Ich muss schmunzeln, doch lausche weiterhin deinen Gedanken.
Du denkst, du wärst hier gefangen, du würdest weiter weg von Verwandten deinen Alltag viel
fröhlicher gestalten.
Du hörst auf zu denken.
„Und?“, hör ich dich fragen, „hast du nie darüber nachgedacht auszuwandern?“
Hab ich das?
Ich denke an die Siebziger, an die ganzen Geschichten der Gastarbeiter, an die Geschichten meiner
Großeltern, an ihren Mut, neu anzufangen.
Ich denke auf der Sprache, die dieses Land mir mitgegeben hat, dass Türkisch als Zweitsprache nie
so cool wie Französisch war, dass uns verboten wurde, Türkisch auf dem Pausenhof zu sprechen
oder generell eine andere „fremde“ Sprache, na ja, bis halt die Ukrainer kamen, also lag es doch
daran, dass wir nicht „weiß genug“ waren.
Ich denke daran, dass sie weder Geflüchtete willkommen heißen können, noch die Kriege stoppen
wollen, die sie dazu bringen, hierher zu kommen.
Ich denke allein in diesem Moment an acht „Einzelfälle“.
Ich denke an die Brandanschläge in Mölln und Solingen,
an Bahide Arslan, Ayşe Yılmaz und Yeliz Arslan,
an Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç, Saime Genç, daran, dass ich ihre
Namen kenne, warum ich das tue und daran, dass ich sie nie vergessen werde.
Ich denke an Mevlüde Genç, die Friedensbotschafterin war, und wie sie das mit dem ganzen
Schmerz nach dem Verlust wohl hinbekommen hat.
Ich denke an Oury Jalloh und wie er sich in einer Polizeizelle angezündet haben soll, während seine
Hände und Füße an einer feuerfesten Matratze gefesselt waren.
Daran, dass ja jeder zufälligerweise einen Brandbeschleuniger und ein Feuerzeug in seine Zelle
mitnehmen kann, ohne bemerkt zu werden.
Daran, dass es offensichtlicher nicht hätte sein können.
Es lag wahrscheinlich daran, dass auch er nicht „weiß genug“ war.Ich denke an Semra Ertan, die sich wirklich selbst verbrannte, aber aus Protest gegen den
ansteigenden Rassismus.
Daran, dass sie einen Abend vorher beim NDR und ZDF anrief, ihr Gedicht „Mein Name ist
Ausländer“ vortrug und auf das Recht bestand, dass Ausländer nicht nur leben, sondern auch wie
Menschen behandelt werden sollen.
Daran, dass sie Gedichte schrieb.
Daran, dass ich dichte und warum ich das tue.
Ich denke an Hanau, an Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz,
Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov, daran, dass
die Polizei nicht da war, dass der Notausgang versperrt war, daran, dass der Vater des Täters in
einem Brief an die Familie Unvar „In aller Deutlichkeit, wenn Ihnen als Migrant das Land des
Deutschen Volkes zuwider ist, dann verlassen Sie es bitte, aber auch zügig, und gehen Sie bitte
dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind“ niedergeschrieben hat.
Was zeigt, dass er die selben Werte wie sein Sohn vertritt, aber niemand was sagt, niemand klagt,
nur wir, die nicht „weiß genug“ sind.
Ich denke an Marwa El-Sherbini, wie sie als Zeugin im Gerichtssaal stand und, obwohl sie dem
Angeklagten vergeben hatte, an 18 Messerstichen in 30 Sekunden starb.
Ich denke daran, wieso es keine Sicherheitsmaßnahmen gab, obwohl der Angeklagte doch 10
Monate vor dem Termin in einem Brief schrieb, was er plant.
Marwa zu ermorden.
Wie schafft es ein Täter überhaupt, ein Messer mit in einen Gerichtssaal zu tragen?
Ich denke an viel mehr Fragen und daran, dass ich genau wie Marwa ein Kopftuch trage und ob ich
das hätte sein können, während einer Zeugenaussage.
Ich denke an die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen gegen die zentrale Aufnahmestelle für
Asylbewerber, die gingen ganze fünf Tage.
Und dass sie mittendrin ein Wohnheim für vietnamesische ehemalige Vertragsarbeiter mit
Molotowcocktails in Brand steckten.
Dass sich die Polizei am Höhepunkt des Brandes zurückzog und die Menschen im Wohnheim auf
sich selbst gestellt waren.
Dass die Polizei sich manchmal zurückzieht, hat anscheinend schon 1992 angefangen.
Wahrscheinlich, weil auch diese Menschen nicht „weiß genug“ waren.
Ich denke an Arkan Hussein Khalaf, der mit seinen 15 Jahren dachte, er wäre in einem sicheren
Deutschland angekommen, um dann auf offener Straße zu sterben, weil er abgestochen wird.
Aber natürlich wird ein rassistisches Motiv nicht anerkannt.
Der Täter ist schließlich psychisch krank.
Ich denke daran, dass Arkan nicht „weiß genug“ war.
Wann stehen Weiße eigentlich vor ernsten Verhandlungen?
Ich meine, abgesehen von Steuerhinterziehung.
Ich denke an meine rassistischen Lehrer und Professoren, an all die Worte, die man mir an den Kopf
wirft.
Ich denke an die Wohnungen und Arbeitsplätze, die wir aufgrund unserer Namen nie bekommen
haben, weil wir einfach nicht „weiß genug“ waren.
Ich denke daran, dass ich zwischen Deutschland und der Türkei feststecke, dass ich im Urlaub in
der Türkei versuche, meinen deutschen Akzent zu verstecken.
Sie nennen mich Araberin dort, weil ich mich nicht wie eine Türkin, sondern Muslima kleide, und
in Deutschland kann mich auch meine fließende Sprache nicht retten, ihr seht ja, dass ich michbedecke.
Ich denke an AfD-Politiker und Neonazis und wie oft der Staat schon gezeigt hat, wie er zu ihnen
steht und was das für mich bedeutet.
Ich denke an Bundestagsabgeordnete, die Sachen wie: „Wir werden Ausländer in ihre Heimat
zurückführen. Millionfach. Das ist kein #Geheimplan. Das ist ein Versprechen. Für mehr Sicherheit.
Für mehr Gerechtigkeit. Für den Erhalt unserer Identität. Für Deutschland“ veröffentlichen können,
ohne Angst vor Folgen zu haben.
Ich denke an über 10.000 Likes und daran, dass ich es bin, die sich hier nicht sicher fühlt.
Daran, warum diese Partei noch im Bundestag sitzen darf.
Ich denke an Leben, die geschützt werden, auf Kosten von Leben anderer.
Ich denke daran, ob ich mich im schlimmsten Fall auf einen Polizeibeamten verlassen kann und wo
genau Vertrauen anfängt.
„Möchte ich auswandern?“, denke ich mir, „oder muss ich das irgendwann?“
Du schaust mich erwartungsvoll an, du denkst, „wieso antwortet sie nicht?“
„Also was jetzt, Ayşe, du hast noch nie daran gedacht?“, fragst du mich.
„Doch, habe ich“, sage ich.
Du lächelst, du glaubst, wir würden beide ans Auswandern denken.
Du glaubst auch, es wäre aus den selben Gründen.